Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Menge an Verpackungsmüll in den letzten 30 Jahren stark gestiegen ist.

Ursache sei vor allem das Konsumverhalten der Verbraucher:innen, erklärt die Verpackungsindustrie.

Die Ergebnisse der Studie werden von den Lobbyverbänden regelmäßig in sozialen Netzwerken, Pressemeldungen und Anzeigen wiederholt; denn die Verbraucher:innen hauptverantwortlich für den Müll zu machen, ist eine gern praktizierte Taktik, um von der eigenen Verantwortung abzulenken. Mit Zahlen aus selbst in Auftrag gegebenen und finanzierten Studien werden die Aussagen dann untermauert.

Die deutsche Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) hat im Auftrag von vier Unternehmen der Verpackungsbranche eine Studie durchgeführt. Diese untersucht die Entwicklung der Menge von Verpackungen im Zeitraum 1995 bis 2020 – und setzt sie in Relation zur Anzahl der verkauften Produkte.

Ergebnis: Obwohl für Verpackungen aufgrund des technischen Fortschritts immer weniger Material und Rohstoffe verwendet werden müssen, steigt der Verpackungsverbrauch dennoch stark an.

“Der private Endverbrauch von Verpackungen nahm über alle Materialien von 1991 bis 2020 um 1,04 Millionen Tonnen beziehungsweise 14% auf 8,7 Millionen Tonnen jährlich zu.”, so das Deutsche Verpackungsinstitut (dvi), das Teil der Auftraggebenden ist. “Konsumentinnen und Konsumenten sind die Hauptverursacher für die Zunahme des Verpackungsverbrauches.” (dvi, 09.06.2022)

Ist dies aber die ganze Wahrheit?

Nein, denn wenn man sich alleine nur ein paar einfache Marktstatistiken anschaut, offenbaren sich die wahren Ursachen für den immer stärker werdenden Konsum und die Zunahme der Verpackungen.

Am gesamten deutschen Markt sind ca. 970.000 verschiedene Artikel gelistet, davon alleine 170.000 Lebensmittelprodukte. Letztere verbrauchen den Großteil der deutschen Plastikproduktion und stehen damit im Fokus.

Jedes Jahr kommen allein in Deutschland ca. 40.000 neue Lebensmittelartikel auf den Markt; “Lebensmittelvielfalt” nennt das die Industrie. Convenience-Food, also bequeme Produkte, liegen dabei auf Platz 1 der neuen Angebote, so der BVE.
Die gleiche Anzahl Produkte verschwindet jedoch jedes Jahr auch wieder aus den Regalen, denn der Platz in den Discountern und Supermärkten ist begrenzt. Damit müssen also ca. 23,5% aller Lebensmittelartikel jedes Jahr durch andere ersetzt werden. Verlagert sich der Handel immer mehr ins Internet, dürfte die Menge der Artikel noch einmal massiv wachsen.

Die Hersteller und Händler verändern die Angebote und ihre Sortimente im Markt unaufhörlich, um die Verbraucher:innen zu mehr Konsum zu verleiten und so Umsatz und Gewinn weiter zu steigern. Es gibt mehrere Dutzend Faktoren und Maßnahmen, mit denen die Hersteller und Händler ihre Kund:innen und ihr Kaufverhalten stark beeinflussen; bspw. neue Geschmacksrichtungen, Verpackungsgrößen, Rabatte, Takeaway-Angebote, Regalanordnungen, usw., aber auch Marketing, Onlinehandel, Abo- und Liefermodelle vergrößern die Sortimente immer mehr und lassen in der Konsequenz auch die Müllberge mitwachsen. Trotz Hightech-Verpackungen und Recycling.

Dabei generieren 80% des Gesamtsortiments nur 20% des Umsatzes;, oder umgekehrt: nur wenige Artikel machen den größten Umsatz aus. Eine naheliegende Lösung wäre es also, die Anzahl der angebotenen Artikel deutlich zu reduzieren (Nielsen 2021). Das würde nicht nur Abfall sparen.

Zudem bestätigte das Umweltbundesamt Ende 2021, dass sich beim Wandel von Einweg- zu Mehrwegverpackungen nur wenig tue, obwohl das Verpackungsgesetz eigentlich hohe Quoten vorschreibe. Lediglich bei Getränken würden gute Zahlen erreicht. (UBA)

Übrigens: von den ca. 186 Milliarden EUR Umsatz der Lebensmittelbranche werden Waren im Wert von ca. 66 Milliarden EUR exportiert, also ca. 35%, erklärt der BVE. Manche Unternehmen exportieren bis zu 80% ihrer Produktion. Im Ausland sind jedoch nur unausgereifte oder gar keine Recyclingsysteme verfügbar; auf diese Weise gelangen riesige Mengen deutscher Plastikverpackungen in andere Länder, von Müllexporten ganz abgesehen. Mit den entsprechenden Konsequenzen.

Fazit: Selbstverständlich müssen Verbraucher:innen ihr Konsumverhalten kritisch hinterfragen; viel zu oft werden zu viele unnötig verpackte Artikel eingekauft.

Die Verantwortung für den Verbrauch und Müll tragen Konsument:innen unserer Meinung nach aber nicht alleine. Seit Jahrzehnten überflutet die Industrie die Märkte mit oft überflüssigen und umweltschädlich eingepackten Produkten, begleitet von etlichen psychologischen Verkaufstricks und Marketingkampagnen.